Stellungnahme an die LVZ: Frauenfeindliche Gewalt benennen

+++ Die Redaktion der LVZ antwortete auf unsere Stellungnahme (und andere) nicht inhaltlich, sondern beließ es stattdessen in ihrer Antwortmail an uns bei einem Lob auf den Diskurs und die LVZ als „Debattenblatt“ +++

An: Leipziger Volkszeitung

Leipzig, 08.07.2020

Sehr geehrte Mitglieder der LVZ-Redaktion, sehr geehrter Chefredakteur Herr Emendörfer!

Wir möchten, wie von Ihnen angeboten, auf Ihren Artikel „Berichterstattung über Femizide: Sachlich, objektiv und distanziert“ vom 01.07.2020 eingehen und unsere Sicht der Dinge darstellen.

Leider halten wir Ihre Reaktion auf den Essay von Bettina Wilpert „Die unerkannte Pandemie Femizid“ vom 02.07.2020 – und damit indirekt auch Ihre Reaktion auf den Protest und den Offenen Brief der #keinemehr-Gruppe – für keine besonders starke Antwort. Im Folgenden möchten wir Ihnen gern unsere Gründe hierfür darlegen:

Zum einen haben wir den Eindruck, dass Sie auf die zentralen Argumente von Frau Wilpert (und auch der Gruppe #keinemehr) gar nicht eingehen, und stattdessen mehrere Nebenschauplätze eröffnen. Als Beispiel dafür sehen wir zum einen Ihren Absatz zu den Begriffsabgrenzungen zwischen Mord, Totschlag, etc.

Wir stimmen Ihnen zu, dass es für Medien grundsätzlich sehr wichtig ist, Vorverurteilungen während laufender juristischer Verfahren zu vermeiden. Und Sie haben natürlich recht, dass Frau Wilpert in ihrem Essay den Begriff „Mord“ verwendet. Jedoch halten wir die Auseinandersetzung mit diesen Begrifflichkeiten an dieser Stelle aus zwei Gründen für nicht besonders zielführend:
1) Ein zentrales Anliegen des Essays und des Offenen Briefs ist gar nicht die Forderung, Tötungen von Frauen aus sexistischen Motiven als „Mord“ zu bezeichnen, sondern als „Femizid“. Auf diese Forderung gehen Sie leider in Ihrer Antwort nicht wirklich ein. Der Begriff „Femizid“ setzt sich aus den lateinischen Worten „femina“ (Frau) sowie „caedere“ (töten) zusammen und behauptet daher keinen Mord im juristischen Sinne. Dass hier eine Frau getötet wurde, werden Sie wohl kaum bestreiten. Ob Sie sich also der Forderung nach der zukünftigen Benennung ähnlicher Gewalttaten als „Femizid“ anschließen, und wenn nein, warum nicht, diese wichtige Frage lässt Ihr Beitrag offen. Die Argumente für den Begriff „Femizid“ wurden bereits ausführlich erläutert, weshalb wir darauf hier nicht nochmals eingehen wollen.

2) Zweitens wird Ihre Kritik an der ungenauen bzw. vorschnellen Verwendung des Begriffs „Mord“ durch Frau Wilpert ad absurdum geführt, wenn man die Überschrift des LVZ-Artikels vom 28.05. zum selben Vorfall betrachtet, die da lautete: Auwald-Mord: Verdächtiger wurde schon einmal angeklagt. Sind Sie sich nicht zu schade, eine Wortwahl von Frau Wilpert zu kritisieren, die Ihre eigene Zeitung genauso verwendete?

Eine andere zentrale Forderung, mit der sich Ihre Antwort nicht auseinandersetzt, ist die Forderung nach dem Benennen der Frauenverachtung, die solchen Gewalttaten innewohnt, sowie einer gesellschaftlichen Einordnung, z.B. einer Untermauerung mit Statistiken zu häuslicher Gewalt und Gewalt an Frauen in (Ex-)Partnerschaften, oder durch das Interviewen von Expert*innen aus der Praxis, etwa aus Frauenhäusern.

Aus unserer Sicht geht es gar nicht vorrangig darum, ob man eine Gewalttat nun als Mord oder Totschlag o.ä. einstuft, sondern darum, sichtbar zu machen, dass es sich nicht um einen Einzelfall, sondern um ein strukturelles Problem handelt. Die Anerkennung als strukturelles Problem ist aus mehreren Gründen wichtig:

Zum einen können nur dann effektive Gegenmaßnahmen ergriffen werden, wenn das Problem durch Politik und Medien realitätsnah dargestellt wird und in seinem ganzen – großen – Ausmaß bekannt ist.

Zweitens erinnert die Darstellung struktureller Probleme als dramatischer Einzelfall, selten und spektakulär, bedenklich an Boulevard-Medien, aber passt nicht zu einer sachlichen und objektiven Berichterstattung, welche Sie ja selbst als Anspruch für die LVZ formulieren.

Schlussendlich erweckt die Rede von „Einzelfällen“ auch den Eindruck, so etwas könne nur bestimmten Frauen bzw. Frauen mit bestimmten Partnern passieren. Je individueller und untypischer der Täter dargestellt wird, desto eher werden Leser*innen annehmen „So etwas würde uns nicht passieren“. Dadurch geraten nur bestimmte Konstellationen ins Blickfeld – etwa bei Tätern mit Migrationsbiografie oder aus bestimmten sozialen Milieus. Es ist aber wichtig, dass die Aufmerksamkeit für Gewalt gegen Frauen immer und überall da ist: auch in der Mittel- und Oberschicht, auch bei Tätern, die einen deutschen kulturellen Hintergrund“ haben. Denn Täter wie Opfer von frauenfeindlicher Gewalt kommen aus allen möglichen Milieus und Kulturen.

Wenn Ihre Zeitung durch entsprechende Statistiken und Erfahrungsberichte aus der Praxis dies verdeutlichen würde, dann helfen Sie auch mit, die Hemmschwelle für betroffene Frauen zu senken, sich Hilfe zu suchen.

Wenn die mediale Berichterstattung hingegen zwischen den Zeilen eine Message vermittelt wie „Einer deutschen Frau mit deutschem Mann aus gutem Hause passiert so etwas nicht“, dann ist das nicht nur falsch, sondern führt auch zu mehr Scham aufseiten der betroffenen Frauen.

Auch auf diese Forderung – nämlich Geschehnisse wie den Femizid im Auwald nicht mehr als „Einzelfall“ oder „(Familien-)Tragödie“ zu bezeichnen – gehen Sie nicht ein. Dabei wäre die Auseinandersetzung mit diesem Thema durchaus auch eine spannende, wie wir finden.

Eine weitere Kritik von unserer Seite: Sie kontern gegen den Vorwurf, unangemessenes Verständnis für den Täter gezeigt zu haben, indem Sie angeben, Sie hätten dies nicht geschrieben bzw. beabsichtigt, sondern es handele sich um eine „Interpretation“ von Bettina Wilpert.

Jeder Artikel drückt jedoch stets nicht nur das explizit Genannte aus, sondern lädt durch Bilder, Überschrift und eben auch die Wortwahl zu einer Interpretation ein. Welche Interpretationen Leser*innen aus dem Artikel mitnehmen, kann die Autorin oder der Autor also beeinflussen und trägt somit bis zu einem gewissen Grad auch Verantwortung dafür.

Und ja, unserer Ansicht nach lädt der LVZ-Artikel „Auwald-Mord: Verdächtiger wurde schon einmal angeklagt“ auf nur schwer erträgliche Art und Weise zum Mitgefühl für den Täter ein.

Es wird darauf eingegangen, dass das Gewaltschutzverfahren, das gegen Edris Z. eingeleitet wurde, für ihn ein „traumatisches Erlebnis“ gewesen sei. Damit stilisiert Ihre Zeitung den Täter zumindest als Opfer dieses Gewaltschutzverfahrens. Angesichts der Tatsache, dass ein solches Verfahren ja nur deshalb eingeleitet wurde, weil der Mann Gewalt und Bedrohungen gegen seine Ex-Partnerin ausgeübt hatte, muss dieses Mitfühlen mit dem Täter zynisch genannt werden. Niemand hat ihn dazu gezwungen, sich so zu verhalten. Er hat das Gewaltschutzverfahren, das „traumatische Erlebnis“ selbst herbeigeführt.

Wir stimmen Ihnen zu, dass das Ausleuchten des Täterhintergrunds eine relevante journalistische Aufgabe ist. Jedoch können die Aussagen aus dem Täterumfeld über dessen Motive nicht einfach so übernommen werden. Stattdessen müssen sie aus kritischer Distanz betrachtet werden, und – wie bereits mehrfach erwähnt – Statistiken und Expert*innen befragt werden, um neutralere Erkenntnisse über Tatmotive bei Femiziden zu gewinnen. Dass sich ein Täter zurückgewiesen, sozial und beruflich eingeschränkt o.ä. gefühlt hat, mag sein persönlicher Blick auf das Tatmotiv sein. Aber ein Gefühl der Zurückweisung erklärt eben noch keine Gewalttat, geschweige denn ein Tötungsdelikt. Hierfür muss es weitere Ursachen geben – eine mögliche Ursache wäre ein stark kritikwürdiges Verhältnis gegenüber Frauen, das der Täter mit zahlreichen anderen in dieser Gesellschaft teilt. Frauenverachtung als mögliches Tatmotiv mit auszuleuchten bekräftigt die Relevanz des Themas und macht deutlich, wie wichtig es ist, eine solche Haltung frühzeitig als Warnsignal zu bemerken: Sexismus kann – auch heute noch – tödlich enden.

Einer der letzten Sätze des Artikels lautet „Zwei Leben sind zerstört.“ Das verbindet auf eine ganz merkwürdige Weise das Mordopfer mit dem Täter, fast wie eine Art Schicksalsgemeinschaft. Wenn ich mir vorstelle, ich würde Opfer eines Mordes werden, dann würde ich mich im Grabe umdrehen, würde ich in so einem Satz zusammen mit dem Menschen erwähnt werden, der mich umgebracht hat. Auch gegenüber den hinterbliebenen Freund*innen und Angehörigen von Myriam Z. ist dieser Satz eine Respektlosigkeit.

„Zwei Leben sind zerstört“ – das passt, wenn zwei Personen mit dem Auto gegen einen Baum fahren und dabei sterben. Oder wenn ein Liebespaar wegen der gemeinsamen Drogensucht alles verloren hat. Aber nicht, wenn eine Person die andere umgebracht hat. Myriam Z. und Edris Z. sitzen – saßen – nicht „im selben Boot“.

Wir bitten Sie um eine öffentliche Antwort auf unsere und andere Stellungnahmen, da wir eine öffentliche Diskussion zu diesem wichtigen Thema für notwendig erachten.

Bis dahin möchten wir einen sehr konkreten, sehr einfach umsetzbaren Vorschlag aus dem Offenen Brief von #keinemehr wiederholen: Nämlich in Artikeln über Gewalt gegen Frauen bzw. Gewalt in (Ex-)Partnerschaften stets auch Hilfenummern und Beratungsstellen für betroffene Menschen mit abzudrucken.

Mit freundlichen Grüßen

xx

– im Namen des Vorstands des Peperoncini e.V. –

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